Scheinheilige Toleranz

 

Liebste Sinnsuchende

Wer sich von Senf Energie rauben lässt, ist selber Schuld.

Du glaubst doch wohl nicht allen Ernstes, dass sich eine Industrie, die es gerade noch mal sechs Apfelsorten erlaubt, vor sich hin zu wachsen, mit 250 Sorten Senf herum schlägt. Die nehmen einen großen Bottich, schütten Öl, Wasser und Geschmacksverstärker rein und rühren einmal kräftig um. Anschließend verteilen sie die Pampe auf 250 Bottiche, rühren noch ein paar unterschiedliche Farb- und Aromastoffe rein und dann hat sich die Chose. 250 verschiedene Schilder drauf und schon steht er im Regal, der leckere Dijon-Senf. Kein Mensch weiß heute noch, wie Erdbeeren schmecken, aber Dijon- Senf………. Ha, Ha! So kloppen sie “Kochschinken” zusammen. Aber ausgerechnet Senf mehr kosten lassen. Joo!

Guter Tipp, lass Dir keine Energie rauben, sondern greif im Supermarkt blind und ganz entspannt zum nächstbesten Glas oder Tübchen. (Noch einfacher: geh zu unserem Hauptdiscounter, der hat eh nur eine Sorte) Solltest du dann einen Senf erwischen, dessen Aromastoffe Dir nicht schmecken, kannst Du Dich damit trösten, dass Du Dich zumindest nicht verarschen lässt.

Sinnvoll vor sich hin gucken und  als Ausgleich und zwecks Bekämpfung der Langeweile mit Dir streiten? Bin nicht sicher, ob ich mir meine nähere Zukunft so vorstelle. Muss ich noch mal drüber nachdenken. Kann man ja mal tun. Einen Tag oder auch ‘ne Woche lang. Aber dafür umziehen? Ich weiß ja nicht. Ich bin ja nicht so der Idylle-Typ. Es müsste dann jedenfalls gewährleistet sein, dass so hin und wieder mal ein Alki mit ‘ner offenen Bierflasche an uns vorbei schwankt. (Ich mag das ja nicht, wenn das echte Leben aus meinem Blickwinkel verschwindet). Aber wenn dann so’n Alki da wäre, der meine Seele beruhigen würde, stell ich mir das mit Dir wieder schwierig vor. Wahrscheinlich müsste ich mir  tage- und nächtelange Vorträge über die Untaten der Suchtmittelindustrie anhören. Reine Scheingefechte, wenn Du mich fragst. Denn ich habe bislang selten bis nie erlebt, dass Du  mal einen gestandenen Manager eines Tabak- oder Drogenkonzerns in seiner Villa aufgesucht und ihm mit einer glühenden Rede klar gemacht hättest, dass sein Geschäft ein verwerfliches ist und er die Hölle zu fürchten hat. Nein Du greifst Dir Raucher, Alkis und wenn Du mal einen erwischen solltest auch bestimmt gerne mal einen Junkie. Habe ja manchmal den Verdacht, dass Dein Kampf weniger den Konzernen, als vielmehr den Schwächen Deiner Mitmenschen gilt. Macht sich nur besser, wenn Du, nachdem Du sie ordentlich rund gemacht hast, mit Unschuldsmiene behauptest, Du hättest nichts gegen Raucher, sondern nur gegen die Industrie. So kommt man Dir nicht so leicht auf die Schliche. Wenn ich mal ein kaltherziges Psychgramm erstellen sollte, müsste ich wahrscheinlich sagen: Frau Staldorf ist nicht viel besser, als die meisten Erdenbürger. Sie toleriert jedes krause Verhalten, mit dem sie in Ihrem persönlichen Leben gar nicht konfrontiert wird. Kommen die Menschen ihr näher, ist es aus mit der Toleranz. Bitte nur Schwächen, die man selbst auch hat!

Stell Dir mal vor, abgesehen von einem kleinen Randgrüppchen, müsste kein Mensch zur Toilette.. Dann solltest Du die Leute mal hören: “Abartig, widerlich, eine Schande für die menschliche Gattung. Sperrt sie weg, womöglich ist das ansteckend! Rettet unsere Kinder!” Was weiß denn ich. Auf jeden Fall säße dieses Häuflein ziemlich verloren auf ihren Klos herum und würde das Schicksal, was ihnen die Zugehörigkeit zu den Scheißern und Pissern beschert hat, verfluchen.  Weltweit würden sie einsortiert in die unterste Kaste. Da aber die Natur es so eingerichtet hat, dass wir alle auf unserem (aber ja immerhin zu verriegelnden und daher) stillen Örtchen verschwinden müssen, wird im Sprachgebrauch der Begriff Toleranz noch nicht einmal bemüht. Wobei ich ziemlich sicher bin, dass den meisten Menschen der Vorgang ansich nicht wirklich geheuer ist. Oder was meinst Du, warum, die Menschheit sich so schwer damit tut, Begriffe zu kreiieren, die man unbefangen und überall verwenden kann. Man behilft sich, indem man den Ort benennt, an dem man es tut, aber man versucht kontinuierlich zu vermeiden, das, was man tut, zu benennen.  Niemand käme auf die Idee, das Wort “essen” zu vermeiden. “Ich muss mal eben zum Herd.” – “Was willst Du da?” – “Das weißt Du doch.” Aha! Versuch doch mal klar zu sagen, was Du vorhast. Sag mal: “Ich muss pinkeln,” wenn Königin Elisabeth mit am Tisch sitzt. Oder geh mit ein paar Freaks, die sich Unkonventionalität auf die Fahnen geschrieben haben, in die Kneipe, steh auf und sag, ich muss mal eben meinen Darm entleeren”. Das geht nur, wenn Du dazu ein Gesicht machst, was deutlich macht, dass Du Dich über bürgerliches Geschwafel lustig machen möchtest. Alle eiern rum. Viele kreiieren eigene Begiffe, die diesen furchterregenden Vorgang verharmlosen sollen. “Püschern” , “Pullern”, was gibt es nicht für seltsame Kreationen. In erster Linie für’s Pinkeln. Die Darmentleerung wird tunlichst ganz vermieden. Bei Kindern muss das Kind ja einen Namen haben. “A A,” (wie schreibt man denn das?) und “Pipi”. Manche Frauen legen das dann nie wieder ab. Da steht dann möglicherweise zwei Zentner Lebendgewicht vor Dir: “Ich muss mal Pipi.” Also, wenn Du mich fragst, ein unbefangener Umgang sieht anders aus. Und dann stell Dir mal vor, es müssten nicht alle!

Das mit der Randgruppe ist natürlich nicht ganz zu Ende gedacht. Bestände sie aus den Mitgliedern der europäischen Könighäuser, sähe man es sicher als  Privileg,  und so manches Möchtegern-Prinzesschen läge abends auf seinem Kissen und würde von gemeinsamen Sitzungen auf dem königlichen Klo träumen.

Hätte doch die Natur es so eingerichtet, dass alle Menschen mit größter Selbstverständlichkeit im Alter von -sagen wir – fünfzehn zur Zigarette greifen  und bis in’s hohe Alter friedlich vor sich hin dampfen würden! Dann wär Ruhe..

Alternativ hätte ja mal ein tabakliebender  Evangelist auf die Idee kommen können, leidenschaftliches Rauchen als Eintrittskarte für’s Paradies zu deklarieren. “Demjenigen, der an einem Raucherbein zugrunde geht, wird garantiert Einlass gewährt.” Dann säße Benedikt nie ohne Havanna im Papamobil. Das ließe ihn doch sogleich sympathisch erscheinen. Pfarrer und Pastoren würden in ihren Kirchen zu gemeinsamem Rauchen auffordern und jeder, der sich wegen seiner Raucherei dumme Sprüche anhören müsste, könnte sich beleidigt geben und auf Religionsfreiheit pochen. Ein kleiner Satz und das Leben wäre ein völlig anderes. Ach wie schade!  Aber leider sind die vor 2000 Jahren noch nicht auf die Idee gekommen, Tabak zu rauchen. Sonst hätte einer die Chance ganz sicher genutzt.

So, ich rauche wieder und möchte von jetzt an nie wieder über’s Rauchen reden. Schluss, aus, vorbei. Themenwechsel! Toleranz, besonders Deine, wäre doch ein schönes Thema.

Tolerante Grüße

Frau Watler

 

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